Das Schlingern ausweisender Bilder

Es scheint in Bewegung geraten zu sein. Zwischen Verschwinden und Aufscheinen: das fotografierte Gesicht. Kein Bild im eigentlichen Sinne, vielmehr eine im Schlingern ausgedehnte Bewegung.

Goekhan Erdogans Arbeiten beginnen mit einer besonderen Feststellung im Medium der Fotografie: Dem eigenen Bild als Passbild. Jenem sachlichen Format, das sich auch als Form des Porträts versteht, aber sich gerade dort vom Porträt unterscheidet, wo das von ihm Bestätigte und Gezeigte weniger einer Persönlichkeit denn einer Identität im Sinne von Identifizierbarkeit gilt. Das Passbild verweigert sich den Bewegungen des Ausdeutens und Interpretierens zu Gunsten einer vermeintlichen Sachlichkeit und scheidet sich so von dem auch auf Inszenierung zielenden Mittel, die dem Porträt gemeinhin zu Eigen sind. Als ausweisendes Bild versucht sich das Passbild an sachliche Unterscheidung zu halten – in einem Netz jener feinen Linien, welches bedingt, dass der mir gegenübertretende Andere ein Bestimmter – also ein nur mit sich selbst gleicher – ist und dieser sich von Anderen, eben durch jenes Moment des ‚mit sich selbst Gleichseins‘, unterscheidet. Auf dieser Ebene steht das Passbild in seiner Funktion zum einen dem Blick nahe, der – wie Sartre es formuliert – den Anderen als Gegenstand erscheinen lässt und ihn in Distanzen organisiert. Zum anderen liegen in ihm auch jene Machtstrukturen verborgen, die im bürgerlichen Kleid des Quasi-porträts die Ausweispflicht erst an das Gesicht der zu identifizierenden Person binden. Dieses Gesicht jedoch erwidert den Blick des Betrachters nicht. Anders als der Blick des menschlichen Beobachters ist der Blick des im Passbild Dokumentierten festgestellt. Dies jedoch nicht nur allein nach den Bedingungen des Mediums Fotografie selbst, sondern auch nach den Regeln eines der Identifizierung dienenden Gebrauchs dieses Mediums. Aus dieser Fixierung und Objektivierung gibt es so kein Entkommen. Dem Blick des Porträtierten bleibt stets die Möglichkeit zur Flucht. In der Rekonstruktion seiner Subjektivität mit den Mitteln der porträtierenden Fotografie bleibt sein Blick stets ein mehrdeutiger. Ein Zurückschauen und Anschauen, das als chronischer Entzug aus allem Festen, die Frage danach, wer in diesem Blickverhältnis der Gegenstand sei, stets neu formuliert.

Von dieser Warte aus stellt denn auch das eigene Bild in der Arbeit von Erdogan nicht ein narzisstisches Moment oder eine Bezugnahme auf die eigene Persönlichkeit und Subjektivität dar, sondern bildet vielmehr eine Ausgangslage auf der anderes verhandelt werden will. Eine Position, von der aus das Eigene zum Universellen hin geöffnet wird.

Auf welche Spur führt also die Arbeit von Goekhan Erdogan, die bei der gegenständlichen Identifizierung durch das Passbild ihren Ausgang nahm, den Betrachter?

Im Realisationsprozess von Erdogans Arbeiten folgt auf die ausweisende Fotografie, welche sich immer an die Regeln des Passbilds hält, zunächst deren Reproduktion mit den Mitteln der Fotokopie. Diese hundertfachen Vervielfältigungen werden jedoch nicht, wie es ihre Bestimmung wäre, zerstreut und verteilt, sondern in einem sorgsam ausgeführten Verdichtungsprozess in Blöcken auf- und ineinander komprimiert. Die Fotografie wächst so von der Fläche in die Höhe, gewinnt an Plastizität und fällt aus ihrem eigenen medialen Bereich heraus. Für sie öffnet der Bereich der Skulptur einen anderen Möglichkeitshorizont. Hielte das Werden hier inne, so würde sich das Wesen des Passbildes, zumindest auf der obersten Schicht, immer noch in seiner ihm eigenen Weise als Objektivierung zeigen. Nachdem das Bild durch seine Reproduktion und nach Verdichtung dieser n Höhe und Gegenständlichkeit gewonnen hat, tritt es auch aus den Eigentümlichkeiten seines gewöhnlichen Körpers heraus und gewinnt so eine andere Art von Bildlichkeit und Bildbarkeit. Diese Bewegung vollzieht Erdogan in seiner ästhetischen Praxis, indem er durch mechanische Beanspruchung den nun entstandenen Block formt. Schleifen, Sägen und Fräsen sind hier nicht allein Mittel der Perfektion. In dem sich ihre Spuren am Bildblick nicht verbergen lassen, sind sie Werkzeuge anderer Art. Sie dienen nicht allein der bloßen Herstellung, sondern bilden Eindrücke aus. So wird eine Öffnung in der objektivierenden Struktur des ausweisenden Bildes erzeugt. Diese Hält spontane Sichtbarkeiten bereit, ähnlich dem Schnitt durch ein gewachsenes Holz, der einen Blick auf Schichten des Werdens freigibt. Hier wird, so scheint es, im Bild selbst etwas zum Verschwinden gebracht, um anderes durchscheinen zu lassen. In den Arbeiten von Goekhan Erdogan wir eine Auflösung angestoßen und in Bewegung gesetzt, die nicht ganz zu ihrem Ende kommt. Sie hinterlässt einen schlingernden Rest, der, eben weil er mit beiden Polen der Fotografie Intensitäten unterhält, einen anderen Sinn zwischen Betrachtetem und Abgebildetem aufscheinen lässt.

Diese Risse in der Sachlichkeit der Fotografie wenden das Bild nicht zurück zum Porträt und seinen Ausdeutungen des Subjekts, sondern weiten den Raum insofern, als dass sie beide – die Deutungen des Porträts und die Feststellungen des Passbilds – samt ihrer Bedeutungshorizonte übersteigen. Indem sie dort durch ihre schlingernden Bewegungen das im Bild Ausgewiesene in Bewegung halten, es nicht zum Stillstand kommen lassen.

Dieses ist gänzlich Oszillation. Jedoch keine gleichförmige, denn sie erstreckt sich über ein ganzes Spektrum. Ein Rauschen sich überlagernder Bewegungen zwischen den Feststellungen des im Bild Anwesenden und der Möglichkeit seines Werdens. Sei es als Verschwinden oder als Ankommen. Goekhan Erdogans Arbeiten versetzen das Passbild und das Porträt gleichermaßen in Bewegung und schaffen so ästhetische Intensität eigener Art.

Sandra Groll

Album, Magazin für Fotografie
Ausgabe 3
»The White Album«, 2012

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