Zwei Bildauffassungen

Aus aktuellem Anlass zeige ich zwei Ansätze meiner Selbstporträts, die mit der Anwesenheit anderer Werke und der Ausstellungssituation unterschiedlich umgehen.

Prozess

Black Blue Face Matrix

big

Beispiel I ist vom Hochschulrundgang, Juli 2009. Es ist eine überdimensionierte, vierteilige Matrix schwarz-blauer Gesichter. Diese wurde mit anderen meist bunten und großen Werken in einer 700 Quadratmeter großen Halle gezeigt. Die Größe der Arbeit war ein vorgegebenes Einschlußkriterium für die Teilnahme.

Beispiel I zeigt mein frontales Abbild mit einem Schattenwurf auf den Augen in vierfacher Ausführung. Die gesamte Arbeit ist etwa 6 Meter hoch und 4,20 Meter breit. Die Arbeit basiert auf 36 Papierbögen à 70 x 100 cm. Auf je 9 Papierbögen wurde eine Sprühschablone übertragen. Ein negatives Schablonenbild und je ein positives wurden einmal in Schwarz und einmal in Blau angefertigt. Hieraus ergibt sich die Anzahl der Gesichter. Die Bögen wurden zerlegt, neugeordnet und wieder zusammengesetzt.

Kachelbild

DSCI0588

Die Arbeit Kachelbild, Beispiel II ist mein Beitrag zur Veranstaltung Pixelkitchen, Januar 2013. Sie ist ein Eingriff auf eine Wandfläche in dem Ausstellungsraum. Die Organisatoren verfolgen eine Work-in-Progress Konzeption. Es sollen von Veranstaltung zu Veranstaltung Werke fest installiert werden. Die Teilnahme erfordert die Beschränkung des eigenen Bildformats auf ein bis zwei Quadratmeter. Die Arbeiten sollten frei auf Pixel Bezug nehmen und werden somit nolens volens Pixel einer großen Bildwand oder Bildschirms.

Beispiel II verwendet das gleiche Motiv wie Beispiel I in einem verkleinerten Maßstab 70 x 100 cm. Die gesamte Arbeit ist ca. 90 x 195 cm groß. Diesmal wurde die Sprühschablone vor dem Farbauftrag halbiert, auf die Ränder und die Ecken der Bildfläche übertragen. Es sind vier Gesichtshälften auf das Format verteilt. Letztere sind voneinander abgewendet und die Mitte des Bildes bleibt frei. Die Gesichtshälften in der oberen Bildhälfte stehen auf dem Kopf. Die Kacheln wurden abgedeckt, so daß nur die Fugen mit Farbe bedeckt wurden.

Form und Inhalt

Beispiel I ist groß, flächig bunt und maskenhaft. Die Arbeit sammelt sich in der gesamten Ausstellungsansicht, während alle anderen Werke tendenziell wie ungeordnete Trümmer aussehen. Sie stellt somit eine einnehmende und überlagernde Wirkung her.

In Beispiel II ist der Bildgrund nicht vollständig durch den Farbauftrag bedeckt. Die Kacheln bleiben sichtbares und funktionales Inventar. Die eingefärbten Fugen scheinen, die aufgeklebten Kacheln zu unterlaufen, da unsere Wahrnehmung nach Anhaltspunkten sucht, die die Linien zu einem Gesamtbild werden lassen könnten. Es gelingt durch eine geringe Akzentuierung des Bilduntergrunds, eine räumliche Öffnung des Bildes zu bewirken.

Man kann sagen, dass Beispiel I zu einem bevorzugten Bild eines Events wurde. Es wurde als Centerpiece der Ausstellung gewählt, als Eröffnungsbild der HR Fernsehreportage gesendet, als Teilmotiv eines Werbebanners des Hafens in Offenbach gedruckt, auf einem regional angesehenen Kunst-Blog gepostet und in der Fotostrecke der F.A.Z. als Berichterstattung zu dem gesamten Hochschulrundgang mitabgebildet. Die Wirkung dieser Arbeit entspricht der vorherrschenden medialen Produktion der Wirklichkeit. Aus diesem Grund fand sie Eingang in diverse Medien.

Beispiel II verhält sich eher wie das Schlagen einer Delle oder das Ausfransen des Gesamtbildes der Ausstellung. Die Arbeit entzieht sich. Sie ist nahezu nicht wahrnehmbar geworden. Sie fügt sich in das gröbere Bildgefüge ein, ohne anzuordnen und ohne angeordnet werden zu können.

Goekhan Erdogan


Photocredit Kachelbild: Dirk Baumanns

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