Kollateralpoesie

Kollateralpoesie
Goekhan Erdogan, o.T., 2011
Jin-Kyoung Huh, DIC 515, 2009

‚Kollateralpoesie‘
Eine Kunstausstellung von Goekhan Erdogan & Jin-Kyoung Huh

Oftmals erheben technische Prozesse eine Ausschließlichkeit auf ihre Resultate. Ihre Produkte sollen Endpunkte sein, Gegenwerke, nach Eigengesetzlichkeiten hergestellt, als solche wahrzunehmen, zu benutzen. Gerade ein Zurück in die Unkontrollbarkeit menschlichen Zugriffs läßt jedoch ein häretisches Wollen aufblitzen, das einer »frivolen« Schönheit zuspricht.

Der Punkt, an dem sich die Arbeitsverfahren von Goekhan Erdogan und Jin-Kyoung Huh als erstes treffen, ist jener der Unterwerfung. Hier die fotografisch-apparative Abbildung des eigenen Gesichts und ihre Vervielfältigung in einem Druckverfahren. Dort die diachrone protokollarische Aufzeichnung ein und derselben Stelle des Himmels gleichfalls mit Hilfe der Fotografie. Doch auf diese Unterwerfung folgen gleichfalls von beiden ausgeführte willkürliche Akte der Freisetzung des formierten Materials. Wahrnehmung und mit der Hand ausgeführte Eingriffe lassen »Bilder« entstehen, deren Entfernung von ihrem Ursprung gegenläufige Erscheinungen provozieren. Hier die ahnungsvolle Offenlegung ungewöhnlicher fazialer Schichten, dort die kühn, kühle Summe purer Farbwerte.

Das Porträt. Aus der räumlichen Verdichtung aller fotografischen Reproduktionen, ihrer geleimten Verbindung zu einem »paperblock«, entsteht ein Tiefen-Objekt, das nunmehr völlig anderen Zuwendungen sich öffnet. Gerade die vielzählige Anordnung der immer gleichen Kopie zu einer Einheit ermöglicht eine Transformation des Motivs, die seiner technischen Hervorbringung zuwiderläuft. Erdogan´s »freies« Abschleifen des Porträtblocks läßt ein Gesicht sich ausbilden, dessen medialen Vorrausetzungen zwar ident bleiben, das jedoch im willkürlichen Prozeß des Schleifens sich zu einer Kontingenz hin öffnet, die die zuvor eindeutige Fläche entstellt und in irritierende Verzerrungen überführt. Der makellosen Evidenz der Fotografie steht nun die ungeheuerliche Aufschichtung einer asignifikanten Geologie des Gesichts gegenüber.

Der Himmel. Auf die apparative Zuordnung der »natürlichen« Lichtwerte des Himmels zu digitalen Farbwerten im fotografischen Bild folgt eine Korrektur entlang der eigenen »Wahrnehmungs-Wahrnehmung«, die codierten Farben werden über eine tendenziöse Auswahl des Bildausschnittes dem subjektiven Bild angeglichen, also ist ein kollateraler Faktor dem Programm inherent. Die Farbe des Himmels transformiert über einer anthropomorphe Schleife in einen technischen Farbwert, der dann wiederum innerhalb einer normativen Formvorlage stofflich auf eine Wand appliziert wird. Der nunmehr in kalendarischen Streifen vorhandene »Himmel« kann synchron, als zeitlose-reduktive Farblandschaft wahrgenommen werden. In seiner Erscheinungskühle schimmert ein – farbiger – Rest seiner sozialen Signifikanz.

Die frivole Schönheit, von der die Rede war, ist also eine der Übergänge, der Brechungen mit den technischen Systemen und ihre Attribute lassen alle Beteiligten in »anderem Licht« erscheinen.

— Prof. Marc Ries, Mediensoziologie, Offenbach 2011


Kollateralpoesie ist ein Neologismus von Prof. Christian Janecke

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