Das Prinzip Risiko

Freitag, 12. Juli 2013
Das Prinzip Risiko. Notizen zur Ausstellung ‚ebd.‘

Eigentlich ist die stetige Wiederholung desselben Motivs, Konzepts, Stils ein Gift für jedes künstlerische Oeuvre. Zu oft aber verlangt der Kunstbetrieb nach Wiedererkennbarkeit, zu oft giert er förmlich nach „Marken“, nach festlegbaren künstlerischen Profilen. Manchmal sind es aber auch die Künstler selbst, die ein bestimmtes Motiv, ein Konzept, einen Stil ihr Leben lang durchexerzieren. Die behutsame Evolution eines einmal gefundenen Ansatzes ist eine beliebte, weil Kontinuität versprechende Herangehensweise. Seltener sind Künstler, die sich sowohl dem Druck von außen als auch der eigenen Bequemlichkeit widersetzen, die immer wieder neue Wege gehen, Risiken nicht scheuen.

Definitiv haben wir es bei Esther Poppe und Goekhan Erdogan mit zwei jungen Künstlern zu tun, die es sich nicht zu leicht machen. Für ihre Ausstellung „ebd.“ in der Frankfurter Galerie im Gallus Zentrum haben sie neue Werkgruppen erarbeitet, die sich auf den Ausstellungsraum ebenso beziehen wie aufeinander. Der Raum in der Krifteler Straße im Gallusviertel beherbergte einst eine Autowerkstatt, danach ein Theater. Heute ist darin neben der Galerie ein Jugendzentrum untergebracht. Offenheit und künstlerisches Experiment sind in dieser nicht ganz situierten Umgebung gut aufgehoben.

Esther Poppe verwendet für ihre Arbeit vier Vitrinen aus dem Frankfurter Senckenbergmuseum. Vitrinen sind für Poppe vor allem interessant, weil sie zwangsläufig ihren Inhalt rahmen und in eine Form bringen. Auch organisieren sie den Raum, sie weisen den Betrachter an, gliedern seinen Bewegungsablauf. Mit diesem die Dinge sicherstellenden, ordnenden, in eine feste Form gießenden Verfahren möchte Poppe brechen. Sie ordnet in den Vitrinen Fundstücke an, die sie mit persönlichen Bezügen versieht. Die Objekte, zwischen denen auf den ersten Blick kein erkennbarer Zusammenhang besteht, irritieren die durch die Art der Präsentation aufkommenden Erwartungen. Es ist die Formlosigkeit, die den autoritären Charakter der Vitrinen sprengen soll. Die Auseinandersetzung mit der Institution Museum, ihren Rahmenbedingungen und Vorgaben, ist in der jüngeren Kunst ein verbreitetes Thema. Poppe geht es jedoch nicht um eine dokumentarische Institutionenkritik. Sie arbeitet gegen die Erstarrung der Form an. Auch knüpft Esther Poppe zweifellos an frühere Werkgruppen an. Ihr künstlerisches Anliegen war schon immer ein Anliegen der Verweigerung. Mit ihren Installationen sperrt sie sich gegen eine allzu einfache Rezeption und gegen die Möglichkeit einer Fixierung.

Auf einer Anhöhe im Ausstellungsraum, die früher als Bühne diente, zeigt Goekhan Erdogan drei bildhauerische Arbeiten. Kennt man seine früheren Werke, in einem komplexen technischen Verfahren hergestellte Selbstportraits, so ist man erstaunt, haben doch die neuen Arbeiten auf den ersten Blick nicht mehr viel mit ihnen gemein. Der Ursprung der neuen Werkgruppe liegt jedoch ebenfalls in Erdogans bisherigem Oeuvre. Es handelt sich um eine abstrahierende Vorgehensweise: Erdogan reduziert seine Arbeiten auf ihre grundlegenden Fragestellungen. Eine auf der Wand platzierte Installation aus zwei Spiegeln verweist auf die Selbstportraits, die Künstlern oft als Selbstbespiegelung ausgelegt werden. Erdogan konterkariert diesen Vorwurf, indem er die Spiegel so anordnet, dass eine gleichzeitige Einsicht aus mehreren Blickwinkeln nicht möglich ist. Die Spiegel, bei denen es sich um Fundstücke handelt, sind außerdem leicht verschmutzt. Dadurch verweigern sie sich dem narzisstischen Blick. Überhaupt sind die Arbeiten rau beschaffen, sie verstecken ihr Material nicht. Vielmehr, sie betonen sehr stark die Ränder und die Kanten. So verhindert der Künstler eine allzu sehr auf den Inhalt fixierte Lesart, um gleichzeitig auf die materielle und konzeptionelle Beschaffenheit der Arbeiten zu verweisen. Goekhan Erdogan hat diesmal viel Zeit in die Entwürfe investiert und diese dann relativ schnell umgesetzt, wohingegen seine früheren Werkgruppen eher von der aufwendigen handwerklichen Herstellung geprägt waren.

Es verbindet die beiden Künstler das Bestreben, sicheres Terrain zu verlassen und künstlerische Risiken einzugehen. Zuweilen ist nicht klar, wohin der jeweils eingeschlagene Weg führt. Dies aber macht die Arbeiten umso interessanter. Der analytische Umgang mit der Form, wenn auch mit unterschiedlichen Zugangsweisen, eint Poppe und Erdogan ebenfalls. Bewusst haben sie sich für ein kollaboratives Format entschieden. Es war ihnen wichtig, die einzelnen Positionen aufeinander abzustimmen, in einen Dialog einzutreten. Die Bezüge zwischen den Arbeiten sind eher subtil und kaum sichtbar, und doch stellen sie eine eine Art Komposition her, die den individuellen Ansätzen immer noch genügend Raum für Entfaltung lässt. Die beiden Künstler arbeiten arbeiten mit einer bewundernswerten Intensität und Ernsthaftigkeit an einem stets in Bewegung begriffenen Oeuvre.

Eröffnung: Freitag, 12. Juli 2013, 19 Uhr
Finissage: Freitag, 26. Juli 2013, 19 Uhr
Öffnungszeiten: Do 15-19 Uhr
Galerie im Gallus Zentrum
Gallus Zentrum Internationale Solidarität e.V.
Krifteler Straße 55, Frankfurt am Main



Eugen El
texteundkunst.blogspot.de

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