Narcissus und Echo

In Aoniens Städten hochberühmt, gab Tiresias dem Volk, das ihn aufsuchte, unfehlbare Orakelsprüche. Die erste Probe seiner Zuverlässigkeit und der Erfüllung seiner Weissagungen machte die Wasserblaue Nymphe Liriope, die einst der Cephisus mit den Windungen seines Stromes umschloss; der so in seinen Wellen Gefangenen tat er Gewalt an. Aus ihrem schwangeren Schoß gebar die Wunderschöne Nymphe ein Kind, das schon damals voller Liebreiz war; sie nennt es Narcissus. Befragt, ob diesem Knaben ein langes, reifes Alter beschieden sie, sprach der schicksalsverkündende Seher: „Wenn er sich nicht selbst kennen lernt.“ Lange schien das Wort des Wahrsagers bedeutungslos. Doch der tatsächliche Ausgang, die Todesart und die Neuheit seines Wahnsinns bringen die Bestätigung. Denn der Sohn des Cephisus war schon sechzehn Jahre alt geworden und konnte noch als Knabe und schon als junger Mann gelten. Viele Männer, viele Mädchen begehrten ihn. Aber solch hartherziger Hochmut wohnte in der zarten Gestalt! Kein Mann, kein Mädchen konnte ihn rühren. Ihn erblickte, während er aufgescheuchte Hirsche in die Netze jagte, die stimmbegabte Nymphe, die nie eine Antwort schuldig bleibt und nie als erste sprechen kann, Echo, die Stimme des Widerhalls. Echo war noch ein Wesen, kein leerer Schall; doch hatte die Schwätzerin schon damals keine andere Möglichkeit zu sprechen als jetzt. Sie konnte nämlich von vielen Worten nur die letzten wiederholen. Das hatte Iuno so angeordnet, weil Echo oft, wenn Iuno auf den Bergen Nymphen in ihres Iuppiters Armen hätte ertappen können, die Göttin wohlweislich mit langen Gesprächen hinhielt, damit die Nymphen unterdessen entwischen konnten. Nachdem Saturnia dies durchschaut hatte, sprach sie: „Über diese Zunge, die mich genarrt hat, sollst du von nun an nur wenig Macht haben und deine Stimme nur noch ganz kurz gebrauchen dürfen.“ Ihre Drohung machte sie wahr. Immerhin kann Echo die Laute am Ende einer Rede wiederholen und Worte erwidern, die sie gehört hat.

Kaum hat sie also Narcissus erblickt, der abseits vom Wege durchs Gelände streifte, entbrannte ihr Herz in Liebe. Sie folgt verstohlen seinen Spuren und je länger sie ihm folgt, desto mehr lässt seine Nähe sie erglühen, nicht anders, als wenn der leicht entzündliche Schwefel, mit dem die Fackeln an der Spitze bestrichen sind, eine Flamme an sich reißt, die man in die Nähe bringt. O wie oft wollte sie ihm mit liebevollen Worten nahen und durch Bitten erweichen! Ihr Wesen verbietet’s! Es erlaubt ihr nicht den Anfang zu machen. Doch eines steht ihr frei: Sie ist bereit, Laute abzuwarten, auf die sie antworten kann. Zufällig hatte der Knabe, vom treuen Gefolge entfernt, gerufen: „Ist jemand hier?“, und hier „hatte“ Echo erwidert. Er staunt, lässt den Blick überallhin schweifen und ruft mit lauter Stimme: „Komm!“ Sie ruft ihn wie er sie ruft. Er blickt zurück und spricht, da wieder niemand kommt: „Was fliehst du vor mir?“ Und ebenso viele Worte, wie er gesprochen hatte, erhielt er zurück. Er beharrt; getäuscht durch den Widerhall der antwortenden Stimme, spricht er: „Lass uns hier zusammenkommen.“, und kein Laut gab es, auf den sie jemals lieber geantwortet hätte. „Zusammenkommen“, wiederholt Echo, vertraut auf ihre eigenen Worte, verlässt den Wald. Schon ging sie auf ihn zu, um den ersehnten Hals mit den Armen zu umschlingen – er aber flieht; und während er flüchtet ruft er: „Hände weg, lass die Umarmungen! Eher will ich sterben, als dir gehören.“ Sie antwortet nichts als „dir gehören“. Die verschmähte hält sich im Walde versteckt, verbirgt schamhaft das Gesicht im Laub und lebt von nun an in einsamen Höhlen. Doch die Liebe bleibt und wächst noch aus Schmerz über die Zurück Weisung. Sorgen gönnen ihr keinen Schlaf und zehren den Leib jämmerlich aus; Magerkeit lässt die Haut schrumpfen, in die Luft entschwindet aller Saft des Körpers, nur die Stimme und Gebein sind übrig. Die Stimme bleibt, das Gebein soll sich in Stein verwandelt haben. Seitdem ist sie in Wäldern verborgen und lässt sich auf keinem Berg blicken. Alle können sie hören. In ihr lebt nur der Klang.

So hatte Narcissus diese Enttäuscht, so auch andere Wasser- und Bergnymphen, so vorher den Umgang mit Männern gemieden. Daher hatte einer von ihnen, der verschmäht worden war, die Hände zum Äther erhoben und gesagt: „So soll es auch ihm in seiner Liebe ergehen, so soll auch er, was er liebt, nicht bekommen.“ Sprach’s, und Rhamnusia gewährte die gerechte Bitte.

Es gab einen klaren Quell mit silberglänzendem Wasser, den keine Berührt hatten, keine Ziegen, die auf dem Berg weiden und auch sonst kein Vieh. Kein Vogel, kein Wildes Tier hatte ihn getrübt, nicht einmal ein Ast, der vom Baume gefallen war. Ringsum wuchs Gras, dem das Nahe Gewässer Nahrung gab, und Gehölz, das keinen Sonnenstrahl erlaubte, den Platz zu erwärmen. Hier ließ sich der Knabe nieder, vom eifrigen Jagen und von der Hitze erschöpft; denn die Anmut des Ortes und die Quelle zogen ihn an. Und während er den Durst zu stillen trachtete, wuchs in ihm ein anderer Durst. Während er trinkt erblickt er das Spiegelbild seiner Schönheit, wird von ihr hingerissen, hält das für einen Körper, was nur Welle ist. Er bestaunt sich selbst und verharrt unbeweglich mit unveränderter Miene wie ein Standbild aus parischem Marmor. Am Boden liegend betrachtet er seine Augen – sie gleichen einem Sternenpaar -, das Haar, das eines Bacchus oder eines Apollo würdig wäre, die Bartlosen Wangen, den Hals wie aus Elfenbein, die Anmut des Gesichts, die Mischung von Schneeweiß und Rot – und alles bewundert er, was ihn selbst bewundernswert macht. Nichtsahnend begehrt er sich selbst, empfindet und erregt Wohlgefallen, wirbt und wird umworben, entzündet Liebesglut und wird zugleich von ihr verzehrt. Wie oft gab er dem trügerischen Quell vergebliche Küsse! Wie oft tauchte er, um den Hals, den er sah zu erhaschen, die Arme ins Wasser und konnte sich nicht darin ergreifen! Er weiß nicht, was er sieht; doch was er sieht setzt ihn in Flammen. Und seine Augen reizt dasselbe Trugbild, das sie täuscht. Leichtgläubiger! Was greifst du vergeblich nach dem flüchtigen Bild! Was du erstrebst, ist nirgends; was du liebst wirst du verlieren, sobald du dich abwendest. Was du siehst ist nur Schatten, nur Spiegelbild. Es hat kein eigenes Wesen: mit dir kam es, mit dir bleibt es, mit dir wird es fortgehen – wenn du nur fortgehen könntest! Kein Gedanke an Nahrung, kein Gedanke an Schlaf kann ihn von dort losreißen. Doch im schattigen Grase gelagert, schaut er mit unersättlichem Blick die trügerische Schönheit an und geht an seinen Augen zugrunde. Dann erhebt er sich etwas, streckt die Arme zu den Wäldern aus, die ringsum stehen, und spricht: „O ihr Wälder! Hat je einer grausamere Liebesqualen gelitten? Wisst ihr doch bescheid und habt ihr doch vielen als willkommener Schlupfwinkel gedient! Könnt ihr euch in eurem langen, so viel hundert Jahre alten Leben an jemanden erinnern, der so hingeschmolzen wäre? Er gefällt mir und ich sehe ihn; doch was ich sehe und was mir gefällt, kann ich nicht finden; so gewaltig ist der Trug, der den Liebenden gefangen hält! Und, was meinen Schmerz noch vertieft: kein weites Meer, kein Weg, keine Berge, keine Mauern mit geschlossenen Toren, nur ein Wenig Wasser hält uns voneinander fern! Er selbst will umarmt werden! Denn sooft ich dem klaren Wasser einen Kuss geben will, strebt er mir, auf dem rücken liegend, mit dem Munde entgegen. Man möchte meinen ich könnte ihn berühren. Fast ein nichts ist es, was den Liebenden im Wege steht. Wer du auch sein magst, komm zu mir heraus; was täuschst du mich, einzig schöner Knabe und wohin gehst du, Ersehnter? Gewiss bieten meine Erscheinung und mein Alter keinen Anlass, davor zu fliehen, und sogar Nymphen waren in mich verliebt. Du versprichst mir mit freundlichem Gesicht etwas Hoffnungsvolles; strecke ich meine Arme aus, streckst auch du sie mir freiwillig entgegen. Lächle ich, lächelst du mir zu; auch Tränen habe ich oft bei dir beobachtet, während ich weinte. Durch nicken erwiderst du meine Zeichen und soweit ich aus der Bewegung deines schönen Mundes schließen kann, antwortest du mir auch mit Worten, die nicht an mein Ohr dringen. -Ich bin es selbst! Ich habe es begriffen und mein Bild täuscht mich nicht mehr. Liebe zu mir selbst verbrennt mich, ich selbst entzünde die Liebesflammen, die ich erleide. Was tun? Bitten oder mich erbitten lassen? Worum soll ich denn bitten? Was ich begehre ist bei mir. Der Reichtum hat mich arm gemacht. Könnte ich mich doch von meinem Körper lösen! Ein neuartiger Wunsch bei einem Liebendem: Ich wollte, der Gegenstand meiner Liebe wäre nicht bei mir! Schon nimmt mir der Schmerz die Kräfte, mir bleibt keine lange Frist mehr und ich erlösche im Lenz meines Lebens. Doch der Tod ist mir keine Last; denn der Tod wird mir die Schmerzen nehmen. Nur wünschte ich, der Geliebte lebte länger! Jetzt werden wir zu zweit, als ein Herz und eine Seele sterben.“ Sprach’s und kehrte in rasender Leidenschaft zu demselben Spiegelbild zurück, trübte das Wasser mit Tränen und durch die Bewegung im See wurden die Umrisse unscharf. Als er sah, dass das Bild verschwand, schrie er: „Wohin fliehst du? Bleib und lass mich, du Grausamer, in meiner Liebe nicht allein! Lass mich, was ich nicht berühren darf, wenigstens anschauen und so dem unglückseligen Wahn Nahrung geben!“ Und trauernd zerriss er das Gewand vom oberen Saum her und schlug sich mit den Marmorweißen Händen auf die nackte Brust. Von den Schlägen wurde die Brust rosig, wie Äpfel, die teils weiß, teils rot sind, oder wie eine noch unreife Traube, deren Beeren die Farbe wechseln und sich allmählich purpurn färben. Sobald er dies alles in dem wieder klar gewordenen Wasser erblickt hatte, ertrug er es nicht länger. Wie gelbes Wachs an einem schwachen Feuer und wie der morgendliche Raureif an der warmen sonne schmilzt, so schwindet er dahin, von liebe ausgezehrt, und langsam nagt an ihm ein verborgenes Feuer. Schon hat er nicht mehr die Farbe, die aus Weiß und Rot gemischt ist, keinen Schwung, keine Kraft, nichts mehr von dem, was eben noch das Auge erfreute; auch der Leib besteht nicht mehr, den Echo einst geliebt hatte. Echo wurde von diesem Anblick von Schmerz ergriffen, obwohl sie ihm grollte und nichts vergessen hatte. Sooft der bejammernswerte Knabe „Wehe!“ rief, wiederholte sie mit nachhallender Stimme: „Wehe!“ Hatte er sich mit Händen an Schultern und Arme geschlagen, ließ Echo das Klatschen widerhallen. Während er ins vertraute Wasser blickte, waren seine letzten Worte: „Ach, vergeblich geliebter Knabe!“ Ebenso viele Worte hallten vom Walde wider. Und auf ein „Lebe wohl!“ gab Echo ein „Lebe wohl!“ zurück. Er bettete sein müdes Haupt aufs grüne Gras. Und der Tod schloss die Augen, welche die Schönheit ihres Eigentümers bewunderten. Auch nachdem er in die Unterwelt aufgenommen war, betrachtete er sich im Wasser der Styx. Es klagten um ihn die Schwestern, die Naiaden, schnitten sich Haarlocken ab und weihten sie ihrem Bruder; es klagten auch die Dryaden. In die Totenklage stimmte Echo ein. Schon bereiteten sie den Scheiterhaufen vor, Fackeln, um sie zu schwingen, und die Totenbahre: da war der Leib nirgends mehr. An seiner Stelle finden sie eine Blume, in der Mitte safrangelb und umsäumt mit weißen Blütenblättern.

Ovid, Metamorphosen (1 – 8 n. Chr.)

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