Frauenbildnis

‚Thank you for hurting me‘ lautet der Titel Melanie Bonajo’s Selfie-wand in Petersburger Hängungungs Ästhetik. Zu sehen sind fotografische Selbstzeugnisse von vermeintlichen Kränkungen durch andere. Eine Ansammlung schlechter Momnente als Wimmelbild könnte man sagen. Dem Querschnitt unterschiedlicher Frisuren, Kleidungsstücke in unterschiedlichen Landschaften sowie situationen steht Bonajo’s Spektrum an Schmerzensausdrücken. Der genannte Täter bleibt mit dem Personalpronomen you unbestimmt. Ist es die Welt, ihr Freund, ihr Job, ihre Lektüre, sie selbst? In dieser Darstellung wächst alles zusammen zu einer Schmerztopografie. You meint nur: ich bins nicht. Ein Demiurg ist mal wieder nicht zur Hand. Vielleicht doch, weil you sich im Bild ihr fotografisches Gegenüber meint.

Wir, die Betrachter, werten die Typologie unterschiedlicher Gesichter aus. Das Gesicht ist mal katatonisch, mal verzerrt, mal attraktiv. Die Viellheit der gestreuten Möglichkeiten kreist für mich um die Frage, ob wir vor einem emotionalen Verwirrspiel stehen, das uns nolens volens übergestülpt wird oder ob doch mehr ‚dahinter‘ steckt. Die Bildrethorik des Verwirrens ist in dem Layout a là Petersburger Hängung oder Google-Suchtreffer-Thumbnails angelegt. Man schweift in einer landschaftlich behandelten Darstellung aus Gesichtern und Ausdrücken eines Subjekts. Ausser zu interpretierenden Typen ist nichts greifbar. Die Wirkung dieser Arbeit ist meinem Empfinden nach interessant aber dennoch extensiv. Ersteres da es ihr gelingt eine breitgefächertes Typensprektrum in Gesichtausdrücken verträglich und sensibel einzufangen und formal einzubinden. Zweiteres da die weibliche subjektivierende Karte gespielt wird: Weil ich mich gekränkt darstelle, musst du auf eine bestimmte Weise reagieren: Zuspruch=Win oder Abneigung=Win. Es sollte keine Rolle, ob sie tatsächlich ‚hurt‘ ist, innerhalb der Form zählt, wer den Preis zahlt. Die gelungene formale Konstruktion in ehren, ich finde sogar, dass diese Selfie-Wand dem Genre Selbstportrait zugehörig ist. Sie tut es aber dennoch zu lasten des Betrachters. Es ensteht neben dem automatischen Blickfeld kein von Interpretation befreiter entsubjektivierter Raum. Man fühlt nicht wirklich, man wird gezwungen zu reagieren. Es ist ein durchschaubares Machtspiel von oben nach unten.

Mal ehrlich, wenn es jemandem schlecht ginge, würde diese Person es verbergen. Ist man durch Schmerz auf sich zurückgeworfen, ist man nicht wirklich in der Lage Empathie für den anderen zu haben. Die Zurschaustellung von Schmerz, Armut undergleichen, fällt schnell in die Sphäre von Elendstourismus. Gezeigt wird das Zeigen vom Schmerz und der verwöhnte Bildkonsument kann sich mit den anderen Konsumenten in dieser Rolle solidarisieren. Ich bin für die Aufwertung von Schmerzen, wie etwa die Depression in Lars von Triers Melancholia. Obwohl mich die Hauptdarstellerin über alle Maßen nervt, wurde die Darstellung asubjektiv. Es ging um eine zeitgeistlige Auffassung der Depression und nicht um eine leidende Person im Besonderen. Trotz Pathos, selbst und für mich gerade mittels der Darstellung eines Subjekts.

schreberssunrise

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