Fazialer Elendstourismus

Es ist überflüssig zu sagen, dass Street Art auf große Akzeptanz der Öffentlichkeit stößt. Jeder kennt so seine lokalen oder internationalen Koriphäen, sammelt, teilt und bewertet ihre Erzeugnisse. Die Museen arbeiten mit den Originalen, die Bildende Kunst reagiert mit Graffitiesquen Gesten.

Es ist wie mit allem schwierig eine Sache gut zu machen, was zweifelsohne Künstlern wie Banksy gelingt. Es ist eine andere Sache über die ästhetische Wirkung im Zusammenhang mit ihrer Welthaltigkeit zu schreiben. Darüber Rechnung zu tragen was die Macher durchmachen. Ich sitze nun mal in der bequemen Lage des Betrachters und möchte mein Ressentiment über die Kunst im öffentlichen Raum am Fallbeispiel JR festmachen, an dem was sichtbar dargestellt ist.

Die Geschichte eines jeden Sprühers ist zu Anfang mit dem Friedensgedanken verbunden. Graffitis, als sie noch politische Parolen waren sowie das erste legale gesprühte Bild, kreisen gefühlt nur um die Thematik universaler Weltfrieden: Sozusagen 1. Piece = Peace. Es ist als ob die Moral angesprochen wird, um den Sachschaden auf der andere Seite zu maskieren oder Einschlußkriteria für etwas Unbrauchbares zu schaffen.

Dem folgend gibt JR weltweiten sozial politischen Verwerfungen ein gigantisches Gesicht (Herrscherbildnis?). Ein Gesicht liefert nichts anderes als Gegenblicken und ein zu interpretierendes Dahinter. Die Bildmechanik ist seither Gesichtsausdrücke lesen und deuten. Ein Gesicht wie auch ein Selfie funktioniert, ohne etwas dabei zu liefern. JR’s medienwirksame Abbildungen bearbeiten dahingehend keinen Kontext oder ein inhaltliches Feld. Er wählt bekanntlich nicht darüber zu reden. Dafür schreiben und teilen ja die Fans. Sie füllen das Schweigen der Gesichter, das Schweigen der Welt zu dem vermeintlich abbgebildeten Elend. Wem nutzt das außer unserem zweckbefreiten Konsum und bürgerlichem Gewissen?

Auf formaler Ebene werden die Gesichter auf Dächern nicht mit den Personen, die darin, darunter umherlaufen verbunden. Der konkrete Mensch ist so in seiner Bildlandschaft zum Verschwinden gebracht. JR kennt verschiedene Modi, die auch verstärkt in der Werbewelt zum Einsatz kommen. Sie lenken von dem abgebildeten Subjekt ab, ähnlich wie es dieser Panorama-Pantokrator Blick leistet. Er nutzt immer wieder überzogene Ausdrücke, die auch in kleineren Abbildungen zum Einsatz kommen. Es ist eine Methode, die Abbgebildeten nicht aus sich heraus sprechen zu lassen. Ein Subtext zu einer lässigen Spaßgrimasse ist überflüssig. Ein versteinerter lebloser Blick, irrationales entgleisen der Gesichtszüge oder sich mit Fekalien einschmieren, wäre wohl ohne Worte aussagekräftiger, aber wer will schon die Wahrheit sehen?

Kurzum ich finde JR ist ein Elendstourist. Den überzogenen Glauben, den wir an diesem Spektakel-Künstler festmachen, bringt der Kultur vor Ort nicht wirklich was ein. Die Lebenswelt der Bildsubjekte wird als Bildmaterial, wenn auch oberflächlich für westliche Augen outgesourced. Mich würde eine Meinungsumfrage interessieren in der Bewohner über diese Eingriffe selbst urteilen.

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