Kuenstler in Frankfurt


02_Anthropozaen

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Arbeiten wie ein Fliesenleger

FNP 18.08.2014, 03:30 Uhr

Von Eugen El
Anders als Berlin gilt Frankfurt nicht als Stadt der Künstler. Doch der Schein trügt. Wir besuchen junge Künstler in ihren Ateliers und stellen sie in loser Folge vor. Heute: Goekhan Erdogan.

Diese giftgrünen und gräulichen Fliesen kennt man irgendwoher. Für Jahre waren sie vertraute visuelle Begleiter im Frankfurter Alltag. Sie stammen aus der S-Bahnstation Taunusanlage und wurden beim umfangreichen Umbau abgetragen und aussortiert. Nun liegen sie im Atelier von Goekhan Erdogan im 1. Stock des Atelierhauses „basis“ in der Gutleutstraße und warten darauf, Teil eines Kunstwerks zu werden. Anfang September wird Erdogan mit einem befreundeten Künstler und einem Architekten im nahe gelegenen „basis“-Projektraum gemeinsam angefertigte Arbeiten zeigen.

Mit Farbe besprühen

Die Ausstellung des eigens gegründeten Kollektivs heißt „Buff“. Dieses Wort steht im Vokabular der Graffiti-Szene für die Reinigung einer zuvor besprühten Fläche. Die ästhetischen Nebeneffekte solcher Reinigungsaktionen sind Thema einiger Arbeiten in der Ausstellung. So kommen auch die Fliesen zu ihrem Einsatz. Einige wurden bereits auf einer Holzplatte neu verlegt und besprüht. Bei der anschließenden Reinigung blieb die Sprühfarbe in den Fugen zwischen den Fliesen haften – ein Effekt, der sich auch in den Bahnstationen beobachten lässt.

Für die Geschichten, die diese Zwischenräume erzählen, interessieren sich die drei (Künstler-)Freunde. Es geht ihnen auch darum, den Kult um den Sprayer zu konterkarieren, sich bewusst zurückzunehmen. Weitere Arbeiten erzählen von den teils schon historisch gewordenen Spuren der Graffiti-Szene im öffentlichen Stadtraum. Mit dieser kollektiven Aktion knüpft Erdogan an seine Sozialisierung als Jugendlicher in Frankfurt an. In den späten 80er und den 90er Jahren, so berichtet er, sei die Graffiti- und Hip-Hop-Kultur in der Stadt sehr verbreitet gewesen, nicht zuletzt durch die Anwesenheit der US-Streitkräfte. Mit der Zeit entfremdete sich Erdogan von dieser Szene und entschloss sich zum Studium der Kunst. Seinen Abschluss machte er 2012 bei Adam Jankowski an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung. Einige Semester lang studierte er zudem bei Christa Näher an der Frankfurter Städelschule.

Im Atelier, das Erdogan mit der Künstlerin Jin-Kyoung Huh teilt, herrscht derzeit Hochbetrieb. Schließlich bereitet er zugleich eine zweite Ausstellung vor. Ebenfalls im September wird Erdogan im „Ausstellungsraum Eulengasse“ in Bornheim an einer Doppelschau mit dem schwedischen Künstler Magnus Fliesberg teilnehmen. Dafür knüpft er an seinen im Studium entwickelten künstlerischen Ansatz an. Ein für die Ausstellung angefertigtes Objekt besteht aus eintausend miteinander verklebten, DIN-A3- großen Blättern, die jeweils die gleiche schwarz-weiße Porträtfotografie des Künstlers zeigen. In den so entstandenen Block hat Erdogan mithilfe eines Beitels eine größere Einbuchtung geschnitzt. Dadurch bekommt das Objekt seine Räumlichkeit. Auch lassen die einzelnen freigelegten Papierschichten an die Maserung eines Holzes denken. Die Arbeit bekommt buchstäblich Tiefe, vom weiten Interpretationsspielraum, den das Porträtmotiv eröffnet, abgesehen.

Mit Blättern verkleben

Dass allein der Vorbereitungsprozess, das Verkleben der Blätter, eine Woche dauert, macht dem Künstler nichts aus. Der handwerkliche Prozess liege ihm, betont Erdogan. Während der fast schon meditativen Arbeit am Material ergeben sich für ihn interessante Momente. Auf das Porträtfoto angesprochen, macht Erdogan darauf aufmerksam, dass es sich um ein Bild älteren Datums handelt. Mit ihm habe es nicht mehr viel zu tun. In diesem Projekt geht es Erdogan nicht etwa um eine psychologisch grundierte Selbsterforschung. Er interessiert sich vielmehr für die Möglichkeiten, über die Konventionen des Porträts hinauszugehen.

Derweil zeigt er eine weitere Arbeit aus dieser Serie, die schon allein durch ihre Größe (DIN A0) beeindruckt und auch durch die Effekte, die sich aus der aufwendigen handwerklichen Bearbeitung ergeben. Dass Erdogan im und nach dem Studium Frankfurt treu geblieben ist, führt er auf die große Anzahl hier ansässiger, interessanter künstlerischer Orte zurück. Die hiesigen Kunsthochschulen lassen in seinen Augen den nötigen Raum zum Experimentieren. Für Absolventen wiederum seien die institutionellen Fördermöglichkeiten, die Subventionen und Sponsorengelder, wichtig. In diesem Umfeld arbeitet Goekhan Erdogan an einem vielseitigen und reflektierten Werk. Es gelingt ihm, konzeptuelle Strenge und handwerkliche Präzision miteinander zu verbinden.

– via Frankfurter Neue Presse

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